SNB: Eier vs Theorie...

06/17/2015

Die Berichterstattung über die Situation des Schweizer Franken und den Handlungsspielraum der SNB lösen beim Leser Irritationen hervor. Bei kaum einem Thema der letzten Monate sind die Meinungen der Experten, der Finanzfachleute so fix gemacht wie völlig gegenläufig. Während die einen, wie z. B. Rudolf Strahm oder Bofinger die Ausdehnung der SNB-Bilanz für vernachlässigbar halten oder die SNB-Leader als ultrakonservative, sich an der Theorie orientierende Monetaristen schimpfen, vertreten andere wie Bernholz oder Kenneth Rogoff den Standpunkt, dass die Aufgabe des Mindestkurses zwingend notwendig und richtig gewesen sei. Mit solch widersprüchlichen Botschaften konfrontiert, kann man als in der Geldtheorie nicht gebildetes Individuum nicht umhin, dem chaotischen Zustand des vermeintlichen "Herrschaftswissens" über das Kapital mit einer intuitiven Verkürzung zu begegnen: Man muss, zumindest vorläufig, eine Position einnehmen, um nicht unterzugehen im Rauschen der Nachrichten, indem man anstelle von dem, was man nicht wissen kann, etwas glaubt.Ich halte fest, dass 1. die Glaubwürdigkeit und die innere Kraft der SNB auf Jahre verloren ist und sie bei künftigen Interventionen (die sie unweigerlich wird unternehmen müssen) mehr Geld verbrennen wird als je zuvor, dass 2. also die Ausdehnung der Bilanz bis zu einer Billion und mehr durchaus im Bereich des Möglichen, oder gar unvermeidlich ist (das wäre dann vermutlich ein Novum) sowie 3., dass die sehr schwache Kommunikation (gesprochen und geschrieben) des SNB-Präsidenten auf ein schwaches Führungsprofil schliessen lässt.Geldpolitik ist heute kommunikativer denn je und verlangt nach Persönlichkeiten, die Wissen mit Kreativität und Begabung zur taktischen Kommunikation verbinden. Phillipp Hildebrand hätte jedenfalls die Eier und wohl mehr Möglichkeiten gehabt, um die Situation durchzustehen und die Folgen abzufedern. Aber der musste gehen, weil er auch die Eier hatte, die Banken zu massregeln wie keiner zuvor.Und wenn nun Kenneth Rogoff wie jüngst im NZZ-Interview allen Ernstes die Aufgabe des Mindestkurses auch damit begründet, dass der Druck der Politik, wobei er die zum Glück gescheiterte Schnapsideee der Goldinitiative erwähnt, zu gross geworden sei, dann weiss man, wie das Ausland heute über die SNB und die Machtverhältnisse in diesem Land denkt - und schämt sich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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